Beten mit den Füßen
Als ‚Beten mit dem Füßen’, als Weg zu sich selbst und Weg zu Gott verstehen Pilger ihren Weg.
Entscheidend ist für alle der religiös-spirituelle Zusammenhang bis hin zu einer Wiedergewinnung von Schöpfungstheologie und neuer Langsamkeit.
Unverzichtbar für Pilgerwege sind offene Kirchen als Stationen, Stätten der Einkehr und des Gebetes und Pilgerherbergen oder andere Übernachtungsangebote unter: www.pilgern-in-mitteldeutschland.de
Pilgern evangelisch
Der Protestantismus, so Oberkirchenrat Dr. Torsten Latzel, Geschäftsführer des EKD Arbeitskreises ‚Freizeit- Erholung- Tourismus’ lässt sich auch als eine große Pilgerbewegung lesen. Sicher nicht im Sinne eines Wallfahrens hinter einer Monstranz oder eines hippen Zeitphänomens. Aber im Sinne eines "Wanderns mit Gott auf den Spuren der Mütter und Väter des Glaubens". Fünf "Wegmarken" zeigen, worum es aus evangelischer Sicht beim Pilgern geht.
- Wanderbare Freiheit:
Wer pilgert, begibt sich in einen Erfahrungsraum religiöser Freiheit. Wie der Psalmist es ausdrückt: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Der Pilgernde geht heraus aus Pflichten und Zwängen des Alltages, löst sich von seinem Ort, ist offline, erfährt Weite, Raum, Zeit.
Diese "wanderbare Freiheit" ist dabei eine paradoxe Freiheit. Sie wird gerade darin erfahren, dass man sich auf Bindungen andere Art einlässt: einen bestimmten Weg zu gehen, mit festen Gebetszeiten, mit alten Riten, je nachdem auch in Gemeinschaft mit anderen. Dieses paradoxe Verständnis einer in Bindung erfahrenen Freiheit gehört zu den Grundeinsichten evangelischen Glaubens. Luther drückt dies in der Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen so aus: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Pilgern kann zu einem Erfahrungsraum dieser paradoxen Freiheit werden, weil der Mensch hier gleichsam aus sich herausgeht, sich als "ex-zentrisches Wesen" erfährt, frei von der Fesselung an sich selbst, frei für Gott, den Mitmenschen und sich selbst.
- Sinnes-Wandel:
Wer pilgert, wandelt seinen Sinn. Zunächst rein körperlich und dann, wo und wann es Gott gefällt, auch geistlich. Atem und Puls werden bewusster, Blasen schmerzen an den Füßen, Augen kommen zur Ruhe von der ständigen Bilderflut, Ohren hören Stille, es riecht nach Weg und Wald, Schweiß, Staub und Wasser kommen auf die Zunge, der Kopf fängt an, an anderes zu denken. Im Gehen und Beten, im Reden und Schweigen, Singen und Segnen kann es sich dann ereignen, dass auch der "Seelen-Sinn", das Dichten und Trachten des eigenen Herzens neu ausgerichtet werden. Dass es einer anderen Grundmelodie des Lebens folgt, können wir nicht machen. Wir haben unser Herz nicht in der Hand. Wir können nur hoffen, dass Gott selbst - etwa im Pilgern - sich unserer geistlichen Herzrhythmus-Störungen annimmt.
- Geistliche Quellensuche:
Wer pilgert, geht auf Spurensuche. Er geht auf Suche nach Wegen der Tradition, nach kulturellen Vorbildern, nach religiöser Erfahrung der Mütter und Väter im Glauben, nach geistlichen Quellen. Ob Jakobsweg, Elisabethpfad oder Lutherweg: Es ist eine geistliche Such-Bewegung "ad fontes", zurück zu den Quellen. Dieser geistlichen Rückbesinnung und Quellensuche entspricht dann auch die archaische Form der Fortbewegung - das Gehen. Die reformatorischen Kirchen verstehen sich selbst im Blick auf ihre 2000 jährige Geschichte als eine solche Bewegung ad fontes, zurück zu den geistlichen Quellen. In der maßgeblichen Ausrichtung allein an der Schrift, dem sola scriptura, kommt dies zum Ausdruck. Und auch in der evangelischen Kirche spielt für die Annäherung an diese Quelle eine archaische Form der Kommunikation eine zentrale Rolle - die Rede, das unmittelbare persönliche Wort von Mensch zu Mensch. In der geistlichen Quellesuche des Pilgerns spiegelt sich so - aus evangelischer Sicht - die urprotestantische Bewegung zu den Quellen. Und vielleicht ist das Gehen in besonderer Weise geeignet, um unter den Bedingungen einer ständigen medialen Beschleunigung und allgemein kulturellen Tempodroms für das Reden und Hören von Gott zu sensibilisieren.
- Konzentration auf das Wesentliche:
Wer pilgert, konzentriert sich auf das Wesentliche. Zumindest sollte er oder sie das tun - allein schon tragetechnisch Der Konzentration auf das Notwendige - Rucksack, Wanderschuhe, Regenkleidung, Zahnbürste - entspricht die geistliche Konzentration. Kein Handy, Fernsehen, Internet. Stattdessen mit einander gehen, reden, beten, schweigen. Darin spiegelt sich - wieder in evangelischer Sicht - die Konzentrationsbewegung, die sich in den reformatorischen "soli" ausdrückt: allein durch den Glauben, allein aus Gnade, allein in Christus. Alleine so begegnen wir Gott, erfahren wir den Sinn des Lebens, gründet sich die Kirche als Gemeinschaft der "Glaubenden auf dem Weg". Oder um es mit einem Werbespruch zu sagen: im Pilgern wie im Glauben insgesamt geht es um ein "reduce to the max", um eine heilsame Reduzierung auf das Wesentliche, das zugleich das Maximum ist.
- Freude an der Schöpfung:
Wer pilgert, geht auf eine Entdeckungsreise, auf der ihr oder ihm die Schönheit von Gottes Schöpfung neu begegnet. Zu der ersten und wichtigsten Wiederentdeckung gehört dabei sicher die der eigenen Füße. Der Mensch nicht nur als vernunft-, sondern eben auch als fußbegabtes Wesen, ein "animal rationale et pedale". Dazu zählt dann die Schönheit der Mitmenschen und Mitwelt: von Wasser zum Trinken, von einem Dach über dem Kopf, einem guten Essen, dem Blick vom Berggipfel, von der Gemeinschaft auf dem Weg. Die Wiederentdeckung der Welt als gute und schöne Schöpfung Gottes. Das kann einen Menschen, wenn es sich ihm erschließt, glücklich, dankbar, froh und verantwortlich engagiert werden lassen. Dies ist zugleich Ursprung evangelischer Ethik, eines Lebens aus Dankbarkeit. mehr...
Ansprechpartner

Pfarrer Christfried Boelter
christfried.boelter@kirche-und-tourismus.de
Aktuelles
Veranstaltungen
- 16. Februar 2012 - Studientag "Erwachsen glauben" in Neudietendorf
- 17. bis 19. Februar 2012 - Werkstatt- und Übungskurs zum liturgischen Verhalten in Tabarz
- 17. bis 19. Februar 2012 - Bibelkunde Altes Testament in Tabarz
- Achtung, Absage! Studientag "Erwachsen glauben" 13. März 2012 in Halle entfällt!
- Achtung Absage! Fachtag Kirche und Kultur auf dem Lande am 24. März 2012 in Erfurt entfällt








